„Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“

 

 

3. Perspektiven und Impulse aus dem christlichen Glauben

 

3.1 Die Frage nach dem Menschen

 

(91)

-          Die Soziale Marktwirtschaft setzt ein Menschenbild voraus, welches Freiheit und persönliche Verantwortung wie Solidarität und soziale Verpflichtungen beinhaltet.

-          Dies kann in der momentanen Marktwirtschaft jedoch nicht gewährleistet werden.

-          Im Zeitpunkt des Umbruchs soll an die Voraussetzungen erinnert werden um eine solidarische und gerechte Gesellschaft zu verwirklichen.

 

(92)

-          Das Menschenbild des Christentums gehört zur europäischen Kultur und der daraus entstehenden Wirtschaftlichen und sozialen Ordnung.

-          Das Menschenbild der sozialen Marktwirtschaft und des Christentums ist somit identisch.

 

 

3.2 Weltgestaltung aus dem christlichen Glauben

 

3.2.1 Weltgestaltung als Gabe und Aufgabe

 

(93) Der christliche Glaube hat eine bestimmte Sicht des Menschen:

 

-          Der Mensch stellt das Gegenüber Gottes dar und ist mit Würde ausgezeichnet.

-          Frauen und Männer haben gleich viel Würde.

-          Der Mensch ist mit der Verantwortung der ganzen Schöpfung betraut. (Sachverwalter Gottes auf Erden)

-          Der Mensch soll als vernunftbegabtes und verantwortliches Geschöpf in Beziehung zu Gott, zu seinen Mitmenschen und zu allen anderen Geschöpfen leben.

 

(94)

-          Die Bibel spricht von der „Gebrochenheit der eigentlichen Schöpfungsordnung“ in der Vergangenheit, z.B. wegen dem Brudermord Kains an Abel (Fehlverhalten gegen Gottes Gebote, Sünde).

-          Der christliche Glaube hofft auf neue Schöpfung, in der es keinerlei Leid mehr gibt.

-          Die Hoffnung kann nicht vom Menschen durchgesetzt werden, gibt aber Kraft, sich für menschenwürdige, freie und gerechte Ordnung einzusetzen.

 

(95)

-          Gott vertraut den Menschen und gibt ihnen die Möglichkeit dazu, etwas zu ändern.

-          Dass Gott so den Menschen vertraut, ist ermutigend.

 

 

Zusammenfassung:

 Das Christentum hat eine genaue Vorstellung wie der Mensch Idealerweise sein sollte um eine neue Schöpfung zu gestalten. Es ist jedoch auch realistisch und gibt zu, das dies nicht durchzusetzen ist! Dennoch gibt es Mut, dass Gott so in die Menschen vertraut!

 

 

3.2.2 Weltgestaltung aus geschichtlicher und heilsgeschichtlicher Erfahrung

(96)
- Mensch: geschaffen als Individuum und als Gemeinschaftswesen
- Das Volk Gottes erlebt in seiner Geschichte die Hilfe Gottes  -->  Zuwendung zu den Armen und Schwachen

(97)
- grundlegende Erfahrung von Befreiung: Auszug aus Ägypten,  Befreiung von der Knechtschaft = Exodus (-erfahrung)
- 10 Gebote als Lebensordnung --> Grundregeln einer Gemeinschaft
- trotz des Fehlverhaltens des Menschen ist Gott treu --> der Mensch soll sich ebenfalls für das Gute einsetzen

(98)
- die Bibel übt prophetische Kritik an gesellschaftlichen Unrechtssituationen

... (100)
- In der Nachfolge Jesu muss die Kirche die befreiende Botschaft allen Menschen verkünden und auch in der Tat bezeugen
- der Einsatz für die Menschenrechte, Menschenwürde, Gerechtigkeit und Solidarität ist für die Kirche konstitutiv (wesensbestimmend)
- die Soziallehre hat zwei Quellen: die Bibel und die geschichtlichen Erfahrungen in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen
- sie vermittelt keine konkreten Handlungsanweisungen, sondern Handlungsperspektiven, Wertorientierung
- die Soziallehre hat prophetisch-kritische Funktion

 

 

 

 

3.3.2                  Vorrangige Option für die Armen, Schwachen und Benachteiligten

 

(103/104)

v  Vertikale Ebene der Gottesliebe setzt sich  in der horizontalen Ebene der Nächstenliebe fort (vgl. Kreuz)

 
 N

 Ä

C

H

S
T

    G O T T E S L I E B E

N

L

I

E

B
E

 

v  Neuheit (nach Jesus): Menschen- und Feindesliebe

 à Entfeindung der mitmenschlichen Beziehungen,

     Entgrenzung der mitmenschlichen Solidarität

 

(105)

v  Christliche Nächstenliebe gilt besonders den Armen, Schwachen und Benachteiligten

à Erfahrung der Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft AT)

v  Gerechtigkeitsforderung im Umgang mit den schwächsten Gliedern der Gesellschaft

v  Rettung der Gemeinschaft des Gottesvolkes

à lebensförderlicher Umgang mit den Armen, die Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit sind Indiz der Treue zum Gottesbund

 

(106)

v  Entscheidung über die endgültige Gottesgemeinschaft abhängig von:

·         gelebter Solidarität (= Ort der Gottesbegegnung)

 

(107)

v  Alles Handeln und Entscheiden (z.B. in der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft) basiert auf einer Frage:

Inwiefern betrifft und nützt dies den Armen in Ihrem Handeln?

v  Ausgrenzung            alle am gesellschaftlichen Leben beteiligen

v  Verpflichtung der Wohlhabenden:

·         Teilen

·         Wirkungsvolle Allianz der Solidarität

-          Nächstenliebe wendet sich vorrangig an Arme, Schwache und Benachteiligte

-          Erfahrung der Befreiung aus der Knechtschaft à in der Ethik des Volkes Israel verbindliches Leitmotiv und zentrales Argument für Gerechtigkeitsforderung im Umgang mit schwächsten Gliedern der Gesellschaft

 

 

 

 

3.3.3  G E R E C H T I G K E I T

 

(108)

Die Bibel gibt uns nicht nur Orientierung für das eigene persönliche Handeln, sondern auch Rahmenbedingungen für die Gesellschaft. Die Gerechtigkeit ist  die Grundlage für gesellschaftlichen Frieden und Freiheit.

 

(109)

Die Gerechtigkeit ist das Grundgerüst der Gesellschaft. Die Gesellschaft muss dem einzelnen die Möglichkeit geben, sein Leben so zu gestalten, wie er möchte. Aber der einzelne muss umgekehrt die Rechte der Gesellschaft respektieren. Durch dieses Wechselspiel ist der Frieden in der Gesellschaft gesichert.

 

(110)

Die Gerechtigkeit wird unterteilt in die iustitia legalis, das ist die Verpflichtung des einzelnen, sich an die Gesetze der Gesellschaft zu halten.

Daneben gibt es die iustitia distributiva, dabei sorgt der Staat für Gerechtigkeit seinen einzelnen Mitgliedern gegenüber, indem er die Pflichten und Rechte gleichermaßen verteilt.

Darüber hinaus spricht man von der iustitia communtativa, das ist die Gerechtigkeit zwischen den Gesellschaftsmitgliedern untereinander. (z.B. Verträge)

 

(111)

In unserer modernen Gesellschaft haben die einzelnen Mitglieder unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen, bedingt durch Ungleichheit, Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit. Die soziale Gerechtigkeit soll diese ausgleichen. Soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder einzelne gleiche Chancen und gleichwertige Lebensbedingungen hat.

 

(112)

Die Gesellschaftsmitglieder, die auf der „Sonnenseite des Lebens“ stehen, sollen denjenigen helfen, die am Rande der Gesellschaft sind und es nicht schaffen, aus eigener Kraft ihre Situation zu verbessern. Es reicht dabei nicht aus, den Benachteiligten Almosen zu verteilen, sondern man muss die Bedingungen so verändern, dass die einzelnen gar nicht erst an den Rand der Gesellschaft gelangen.

 

(113)

Dazu gehört ein gut strukturiertes Bildungssystem, damit die Mitglieder der Gesellschaft berufliche Fähigkeiten erlangen können, aber eben auch Kritikfähigkeit lernen und in der Lage sind, sich politisch zu engagieren.

 

(114)

Um die soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen, ist es wichtig, dieser die christlichen Werte überzuordnen.

Über die Gerechtigkeit hinaus verlangt die christliche Lehre persönliche Zuwendung, Liebe und Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit geht über die Gerechtigkeit hinaus. Sie veranlasst uns, für eine gerechtere Gesellschaft zu kämpfen. Durch die Barmherzigkeit ist der Christ überhaupt gewillt, sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Nur wenn jemand seinen Nächsten liebt, dann ist es ihm nicht egal, wenn diesem Unrecht geschieht. Die Nächstenliebe ist gleichsam der Motor für das Miteinander in einer Gesellschaft.