Günter Reinhart

 

Warum ich für Latein (und Griechisch) an der Schule bin

 

I      Latein und Griechisch: Schnee von gestern?

 

Die alten Perser hatten es noch gut.

Sie wußten genau, was zur Erziehung ihrer Kinder nötig war: Reiten, Bogenschießen und die Wahrheit sagen (Herodot).

 

Unsere Welt ist komplizierter geworden. Gerade Fragen der rechten Erziehung werden endlos diskutiert. In dieser Diskussion melden sich zuweilen Sonderlinge zu Wort, die nicht Informatik, naturwissenschaftliche Profile oder moderne Fremdsprachen empfehlen, sondern Latein und Griechisch. Wie bitte?! - werden Sie fragen. Angesichts der ungeheuerlichen Aufgaben, die uns das 21. Jahrhun­dert bescheren wird, soll man sich mit Sprachen plagen, die seit 2000 Jahren "tot" sind? Wozu soll das nützen?

 

Zunächst sei kurz festgehalten, daß das öffentliche Interesse an der Kultur der alten Griechen und Römer seit Jahren ungebrochen ist. Aufführungen antiker Dramen sind gut besucht, Bücher mit antiken Themen stehen monatelang auf den Bestsellerlisten, entsprechende Ausstellungen sind überfüllt. Offensichtlich scheint in unserer Republik das Bedürfnis zu wachsen, sich der eigenen kulturellen Traditionen zu vergewissern. Man beginnt zu spüren, daß die Überlebensfähigkeit des "homo sapiens" nicht von noch breiteren Straßen, noch mehr Fernsehprogrammen und noch schnelleren Rechnern abhängt.

 

Es sei auch kurz festgehalten, daß sich in Baden-Württemberg noch immer rund 50 % aller Gymnasiasten mit der lateinischen (und griechischen) Sprache beschäftigen. Und nach wie vor verlangt die Universität in einer ganzen Reihe von Studienfächern das (Große) Latinum oder das Graecum (vgl. die Tabelle am Ende dieses Beitrages).

 

Wozu das alles? Was können Kinder mit Latein (und Griechisch) später anfangen? Heißt dies nicht, leichtsinnig Zeit zu verschwenden?

 

Dies ist in der Tat eine zeitgemäße Frage. Es ist die Frage einer Gesellschaft, der die Angst im Nacken sitzt, Zeit mit Nutzlosem zu verlieren.

 

Dennoch: Die Frage nach dem Nutzen schulischer Angebote ist so abwegig nicht. Die Befürworter der "alten" Sprachen sollten also offenlegen, welchen Nutzen man aus der Beschäftigung mit der Sprache der Römer und der Griechen ziehen kann.

 

II    Vom Nutzen der "alten" Sprachen

 

Fremd- und Lehnwörter

 

Am bekanntesten ist wohl die Tatsache, daß durch den Unterricht in Latein und Griechisch ein leichter und rascher Zugang zu den Fremd- und Lehnwörtern im Deutschen eröffnet wird. Schon ein flüchtiger Blick in eine beliebige Tageszeitung läßt dies erkennen. Wer Latein kann, hat hier die Nase vorn. Dies gilt noch viel mehr für die Fachsprachen in den Geistes- und Naturwissenschaften.

 

pro & contra quasi alias inflationär anno informativ extrem intim total Exsitenz Realismus Finale Sekunde Expansion Kompromiß Ritus Advent Oktav plausibel tolerieren kooperativ antik rustikal konzertiert pontentiell senil Kollision Kommission Konstruktion Pazifismus Präludium Dirigent Dissonanz konfus offiziell irreparabel integer manuell kriminell renitent akzeptabel Moneten Kreatur Dividende Rotation Sakrament Pluralismus Regierung Republik depressiv reaktionär latent aktiv passiv progressiv steril animalisch super Kommilitone Tribunal Illusion Marine Nukleus Erosion Abitur Emanzipation liberal jovial servil kolonial ambulant transitiv letal konträr konform Tradition Mission Konfirmation Kommunion Primat Moratorium Sanatorium Note et cetera

 

Moderne Fremdsprachen

 

Ähnlich steht es mit dem Zugang zu den modernen Fremdsprachen. Nahezu der gesamte Wortschatz der romanischen Sprachen (Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Rumänisch) stammt aus dem Lateinischen, selbst das Englische bezieht sein Vokabular zu über 60 % aus der Sprache der Römer.

 

Ein Beispiel:

Der folgende Text ist einem Lehrbuch der spanischen Sprache entnommen. Ein Lateiner kann das meiste erschließen, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen:

 


"La familia"

 

Tengo un padre y una madre. Tienes un hermano (Bruder) y dos hermanas. El tio (Onkel) tiene tres hijos (filios) y la tia tene dos hijos y una hija. Mi hermano se llama (se clamat) Alfonso y mi hermana se llama Maria. Mi heramo tiene cinco anos y mi hermana seis. Tenemos una casa en Madrid. Mi tio y mi tia tienen una casa en Sevilla.

 

Nun soll hier nicht die Illusion verbreitet werden, als fiele Lateinschülern jede moderne Fremdsprache in den Schoß. Aber es entspricht allen pädagogischen Erfahrungen, daß Schülerinnen und Schüler auf der Basis der lateinischen Sprache sich wesentlich rascher und leichter in modernen Fremdsprachen zurechtfinden - übrigens auch in deren Grammatik.

 

ITALIENISCH = LATEINISCH:

accendere, agitare, allevare, amare, applicare, armare, canare, cedere, conservare, considerare, convenire, re, dividere, dominare, donare, dormire, dubitare, durare, mare, impedire, importare, indicare, insistere, intendere, levare, mandare, negare, nominare, notare, occupare, perdere, portare, punire, resistere, respirare, restare, sapere, scendere, sedere, sentire, seperare, servire, significare, stringere, subire, succedere, superare, tacere, tendere, tenere, visitare, vivere, volare.

 

Latein und Deutsch

 

Wenn vom Nutzen der "Alten" Sprachen die Rede ist, darf auf keinen Fall das Fach Deutsch vergessen werden. Anders als in Englisch oder Französisch beschäftigt man sich im Lateinunterricht eingehend mit dem grammatikalischen System einer Sprache und lernt dabei, mit dem richtigen Fachvokabular über sprachliche Strukturen zu reden und sie zu interpretieren. Dieses methodische Training nützt unmittelbar auch bei der Analyse und der Interpretation anspruchsvoller deutscher Texte. Hinzu kommt, daß der Latein- bzw. Griechischschüler jahrelang darin trainiert wird, bei der Übersetzung den besten deutschen Ausdruck, die treffendste deutsche Wendung zu finden. Die Folge ist ein permanenter Zuwachs an Sprachgefühl auch im Deutschen, was Deutschlehrer gerne bestätigen werden.

 

Übrigens wurde bei Untersuchungen in England und in den USA festgestellt, daß insbesondere Schülerinnen und Schüler aus sprachlich unterprivilegierten Schichten in ihrer eigenen Muttersprache wesentlich raschere Fortschritte machten, wenn sie Latein lernten.


Die "Alten" Sprachen und die Studierfähigkeit

 

Soviel vom "Nutzen" der klassischen Sprachen - wenigstens vom unmittelbaren. Es gibt allerdings auch einen Nutzen, der nicht so direkt und unmittelbar zu erkennen ist, der nur langsam, indirekt und Jahre später zu wirken beginnt. Wir hören ja auch nicht auf, Eichen zu pflanzen, nur weil sie zu langsam wachsen.

 

Jeder weiß - und darum sind die klassischen Sprachen auch so gefürchtet -, welchen Widerstand die lateinischen oder griechischen Texte dem entgegensetzen, der sie übersetzen und erschließen will. Mancher ist darüber schon verzweifelt und wer sich für Latein oder Griechisch entscheidet, geht keinen leichten Weg.

 

Ein Beispiel:

In einem Spaß-Buch zu Latein liest man zum "ablativus absolutus", einem der Schreckgespenster der lateinischen Grammatik, folgende Erläuterung:

 

"Ablativus absolutus: Vom übrigen Satzgefüge völlig losgelöste grammatische Konstruktion, die den Schülern ein Maximum an erkenntnistheoretisch-philosophisch-psychologischen Fähigkeiten abverlangt. Denn es ist erforderlich

a)   den abl. abs. optisch wahrzunehmen,

b)   ihn als solchen zu erkennen und zu begreifen

c)   dem abl. abs. unter Berücksichtigung der übrigen Aussagen der unmittelbar mit ihm im Zusammenhang stehenden Textstellen den richtigen Sinn zu geben

d)   die Dimension der Zeit mit einzubeziehen und damit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Hinblick auf die Ewigkeit passend auszudrücken,

e)   den abl. abs. harmonisch mit dem übrigen Satzgefüge in Einklang zu bringen, ohne ihn seine individuelle Eigenständigkeit verlieren zu lassen."

 

Diese Beschreibung des "abl. abs." mag an einigen Stellen ein wenig überspitzt sein, aber sie tifft im wesentlichen den Kern der Sache.

 

Der Vorsprung, den ein Naturwissenschaftler mit Spezialkenntnissen aus den entsprechenden Leistungskursen mitbringt, ist nach Aussagen von Hochschulvertretern bereits nach dem ersten Semester hinweggeschmolzen, wenn er überhaupt was nützt. Diese Erfahrungen deuten darauf hin, daß es zu Studienbeginn weniger auf fachliches Spezialwissen als vielmehr auf die Fähigkeit ankommt, methodisch zu arbeiten, logisch zu denken, Fakten systematisch zu ordnen, zu interpretieren und überhaupt geistigen Anforderungen nicht aus dem Wege zu gehen. Die Beschäftigung mit den klassischen Sprachen fördert diese Fähigkeiten nachhaltig. Um den lateinischen oder griechischen Texten beizukommen, muß man mit viel Geduld immer wieder genau hinschauen, analysieren, vergleichen, Lösungen gegeneinander abwägen. Eine Unzahl von Einzelfakten muß differenziert, interpretiert und vernetzt werden. Und zum Schluß muß immer wieder eine Entscheidung getroffen werden, wie der Sinn im Deutschen am besten zu formulieren sei.

 

Aus dieser jahrelangen Übung beim "Bohren dicker Bretter" ergibt sich ein hohes Maß an allgemeiner Studierfähigkeit, wobei den Schülerinnen und Schülern die Früchte freilich nicht in den Schoß fallen. Und das ist gut so. Wer also nicht bei der ersten Schwierigkeit die Flinte ins Korn wirft, wer einen längeren Atem hat, der trainiert mit Latein und Griechisch das Beste, was er hat: seine geistige Kreativität und sein Durchhaltevermögen.

 

Nun höre ich schon den empörtern Aufschrei aller anderen Fachvertreter des Gymnasiums. Das können wir mit Mathematik, Englisch, Französisch, Geschichte, Naturwissenschaften, Musik, Bildender Kunst (und was sonst noch angeboten wird) alles auch erreichen. Wenn es der Unterrichtspraxis tatsächlich entspricht, ist das auch gut so. Zudem hat der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Altphilologenverbandes, Hermann Steinthal, mit Recht darauf hingewiesen, daß "alles nur formal Wertvolle ersetzbar ist: Wer etwas erreichen will, muß inhaltlich argumentieren."

 

III   Vom Wert der Alten Sprachen

 

Der fächerverbindende Aspekt

 

Im Hinblick auf die Inhalte, mit denen sich der altsprachliche Unterricht beschäftigt, muß zunächst ganz allgemein darauf hingewiesen werden, daß Latein und Griechisch anders als die anderen Fächer des Gymnasiums fachlich nicht eng umgrenzt werden können. Die klassischen Sprachen umfassen nicht nur die antike Literatur, sondern die gesamte kulturelle und gesellschaftliche Bandbreite der antiken Welt: Philosophie, Religion, Technik und Wissenschaften, Staatskunde und Politik, Geschichte, Alltagsleben, Wirtschaft und Handel, Militärisches sowie das kulturelle und künstlerische Schaffen dieser Epoche. Die "alten" Sprachen sind daher von sich aus auf fächerverbindendes Lernen und Arbeit angelegt, es geht praktisch gar nicht anders.

 

Der Gegenwartsbezug

 

Noch vor 25 Jahren konnte ein bekannter französischer Latinist beklagen:

 

"Aus den Texten kommen nur Krieger, Tugenden, Gefangene, Schwerter und Hinterhalte, Gelage, Wogen und Schiffe, lauter langweilige, feierliche und kalte Dinge, ohne Farbe, ohne Relief, ohne Leben" (Jules Marouzeau, Das Latein.- 1969).

 

Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute sind die Vertreter der klassischen Sprachen vom Olymp heruntergestiegen und lassen die Schöpfungen der Griechen und Römer in unserer Welt heimisch werden. In ihrer ganzen faszinierenden Vielfalt. Dabei wird nicht ausgeklammert - auch das Schreckliche nicht. Zum Beispiel die Gladiatorenkämpfe oder Caesars Völkermord an den Galliern. Entscheidend ist, daß Latein- und Griechischlehrer nicht von einem fernen Einst Zeugnis ablegen. Oder - was noch schlimmer ist - auch die eindrucksvollste Literatur zu Vokabel- und Grammatikübungen verkommen lassen. Heute erleben unsere Latein- und Griechischschüler eine spannende Expedition ins Unbekannte, wobei ihnen gleichzeitig die eigene gegenwärtige Welt klarer und heller vor Augen tritt.

 

Latein als Schlüsselfach Europas

 

Wenn wir uns etwas spezieller mit den Inhalten des altsprachlichen Unterrichts beschäftigen, wird es Zeit, auf die lateinische Sprache als Schlüssel zum Verständnis der politischen und geistesgeschichtlichen Entwicklung Europas hinzuweisen. Spätestens unter Kaiser Augustus entwickelte sich in Rom und unter den Völkern des römischen Reiches ein Bewußtsein von Zusammengehörigkeit, eine frühe Form von corporated idendity. Ursache dieses Bewußtseins war der immer deutlicher spürbare Kulturtransfer von Rom zur übrigen europäischen Welt. In der Antike beginnt der Prozeß, der heute noch andauert: der zunächst rein geographische Begriff "Europa" wird zu einer politischen Idee: Verwaltungsprinzipien, Rechtsgrundsätze, alle Formen politischen und staatlichen Lebens, Wissenschaften und Literatur, die Bildenden Künste und selbst viele Bereiche des alltäglichen Lebens richten sich nach Rom und nach römischen Sitten. Diese europäische Idee hat das Abendland immer wieder geprägt und geistes- und kulturgeschichtlich neu beflügelt: unter Karl dem Großen, in der Renaissance, im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und heute. Deswegen hat die lateinische Sprache den politischen Untergang des Imperium Romanum überdauert und deswegen wird sie als Symbol unserer gemeinsamen Wurzeln auch in Zukunft am Leben bleiben. Auch unter diesem Aspekt hat sich der moderne Lateinunterricht gewandelt. Längst gehören lateinische Texte aus der Spätantike, aus dem Mittelalter und aus der Neuzeit zum Repertoire des Lektürekanons.

 

Aus dem neuen Lehrplan Latein:

 

"Zum Bildungs- und Erziehungsauftrag des Lateinunterrichts gehört auch der Aspekt der europäischen Kulturtradition in den Bereichen Sprache, Wissenschaft, Kirche, staatlich-politische Organisation und Jurisprudenz" (Bildungsplan Gymnasien, S. 27).

 

Sicher werden Sie inzwischen bemerkt haben, daß nicht mehr vom unmittelbaren oder vom mittelbaren Nutzen der "alten" Sprachen, sondern eher von ihrem Wert und ihrem Sinn gesprochen wird. In diesem Zusammenhang gilt es noch auf einen ganz entscheidenden Punkt hinzuweisen, der den Wert des Lateinischen und des Griechischen für Bildung und Erziehung junger Menschen erhellen kann.

 

Die Alten Sprachen schaffen Orientierung

 

Das Oberschulamt Karlsruhe hat unter Schülerinnen und Schülern mit Grund- oder Leistungskurs Latein eine Umfrage gestartet, um ihre Erfahrungen mit dieser Sprache zu erkunden. Die meisten Schülerinnen und Schüler gaben an, im Lateinunterricht eine Orientierungshilfe für ihre eigene Lebensgestaltung gefunden zu haben. In der Mittel- und Oberstufe, wenn man Schulbuch und grammatische Studien hinter sich gelassen hat, liest man anspruchsvolle Texte römischer Politiker, Dichter, Geschichtsschreiber und Philosophen. Unter ihrer geistigen Führung wird man an Grundfragen des eigenen Lebens herangeführt: vom Wert der Zeit, über das Verhältnis von Mann und Frau, über Anpassung und Widerstand, über die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft, Freiheit und Schicksal, Mensch und Gott. Es sind dies Themen auch unserer Zeit. Die Argumente, die zu diesen Themen heute ausgetauscht werden, wurden bereits vor 2000 Jahren formuliert. Die römischen (und griechischen) Schriftsteller liefern uns "Denkmodelle", an denen wir uns geistig orientieren und messen können. Viele Schülerinnen und Schüler entdecken in der Auseinandersetzung mit griechischen und lateinischen Texten ihre eigene Denkkraft. Sie lernen ein unbefangenes, neugieriges, kompromißloses Fragen nach zentralen Dingen des Lebens.

 


Altsprachler gehen einen eigenen Weg.

 

Man fragt sich, woher eigentlich die Verbissenheit rührt, mit der so mancher Zeitgenosse gegen die klassischen Sprachen kämpft. Gehen wir einmal davon aus, daß es nicht die eigenen Schwierigkeiten oder die von Söhnen und Töchtern mit diesen Fächern sind (ein gutes Thema für Freudianer). Was aber dann? Wohl eine ganz besondere Form von Mißtrauen. Wer sich intensiv mit Latein und Griechisch beschäftigt, geht oft seinen eigenen Weg. Er kann sich ein Stück geistiger Freiheit, ein Stück Gelassenheit und Souveränität leisten. Er weiß, daß die Themen unserer Welt vielfach auch die Themen der Antike waren. Das macht immuner gegen viele moderne Parolen. Es macht auch immun gegen die um sich greifende Flachheit unseres Alltags, unsere Zukunftsangst und gegen die "Heilmit­tel", die man uns so gerne verschreibt: Konsumrausch, Jugendwahn, Dauer-TV, New Age, Karrierehektik. Wer sich mit den "Alten" beschäftigt, bleibt skeptisch. Das paßt so manchem Zukunftsstrategen nicht in die schöne neue Lernwelt mit ihren Nivellierungstendenzen. Die klassischen Sprachen schaffen Distanz. Distanz befreit. Man wird freilich kein freier Mensch, wenn man von Kindesbeinen an immer nur an das Praktische und den Wirtschaftsstandort Deutschland denken soll.

 

IV   Zurück zu praktischen Fragen

 

Soll man Latein als erste oder als zweite Fremdsprache lernen?

Diese Frage wird vielfach durch das Angebot des Gymnasiums vor Ort entschieden. Falls man aber die Möglichkeit hat, zwischen Latein als erster Fremdsprache (ab Klasse 5) oder als zweiter Fremdsprache (ab Klasse 7) zu wählen, sollte man folgendes überlegen.

Wer mit Latein beginnt, entscheidet sich zunächst gegen Englisch, das von rund 90 % unserer Gymnasiasten als 1. Fremdsprache gewählt wird. Englisch ist dann automatisch 2. Fremdsprache (ab Klasse 7). Wie ist diese Entscheidung einzuschätzen?

Didaktische Überlegungen

Wie oben bereits angedeutet, ist auch die englische Sprache vielfach mit lateinischen Sprachelementen durchsetzt. Dies gilt sowohl für den Wortschatz (vgl. den folgenden Kasten) als auch für Grammatik und Satzbau. Wer also zuerst Latein und dann Englisch lernt, wird viele alte Bekannte wiedertreffen.

 


climax exterior gratis index integer item memorandum minor pauper admiration appropiate contempt education excursion external history include insane necessary popular private quiet submit confidence constancy dignity variety society difficulty fortitude latitude nation opinion occasion religion tolerable congratulate create illustrate translate variable portable domestic lunar urban human tolerable etc.

 

            Seit der Invasion Englands durch die Normannen (1066) gehörte es zum guten Ton, die aus Frankreich importierten Manieren und das Normanno-Französische nachzuahmen. Das Germanische der Angeln und Sachsen wurde in vielen Bereichen latinisiert - ein Prozeß, der übrigens heute immer noch anhält, da die technische Entwicklung der Neuzeit ständig lateinische Neuprägungen im Englischen fördert.

Diese Serviceleistungen des Lateinischen für das Englische wird auch von Anglisten aus dem Hochschulbereich immer wieder unterstrichen.

Entwicklungspsychologische Überlegungen

Sicher werden Sie einwenden, daß die Latinisierung des Englischen bestenfalls bei der Lektüre auf der gymnasialen Oberstufe erkennbar wird, wenn es sich um anspruchsvolle Texte handelt. Der Einstieg in Klasse 5 mit Englisch ist davon überhaupt nicht berührt, Englisch ist für den Anfang viel leichter als Latein.

Das ist zweifellos richtig. Es ist aber auch gleichzeitig der entscheidende Nachteil. Englisch ist für normal begabte Gymnasiasten zu leicht, die Denkoperationen im Deutschen und im Englischen sind sich zu ähnlich, als daß ein Kind seiner Intelligenz entsprechend gefördert würde.

In der 5. und 6. Klasse durchleben die meisten Kinder ihre besten, die entscheidenden Lernjahre. Mit dem unendlichen Wissensdurst verbindet sich ein wachsendes Verlangen, mit Genauigkeit und Sorgfalt exakt zu lernen und gefordert zu werden. Diesem Verlangen entspricht der Unterricht in der lateinischen Sprache wesentlich eher als im Englischen. Auch dieser Aspekt wird von Anglisten betont.

Für Englisch als 1. Fremdsprache sollte sich eigentlich nur entscheiden, wer tatsächlich die Eignung seines Kindes für den gymnasialen Bildungsgang sehr skeptisch beurteilt.

Wer Englisch erst ab der 7. Klasse (als 2. Fremdsprache) lernt, lernt Englisch immer noch genug.

 

2.         Bedeutet Latein den Verzicht auf Französisch?

Nein, auf keinen Fall. An vielen Gymnasien wird Französisch auf der Grundlage von Latein und Englisch als 3. Fremdsprache angeboten (ab Klasse 9). Die Erfahrungen in den Oberstufenkursen und in der Abiturprüfung zeigen, daß Schüler mit Französisch als 3. Fremdsprache mitdestens ebenso gute Noten erreichen wie ihre Mitschüler, die bereits ab Klasse 7 oder ab Klasse 5 mit Französisch begonnen haben. Die sprachliche Schulung durch das zuvor gelernte Latein und Englisch machen diesen Erfolg möglich.

Falls Französisch nicht als 3. Fremdsprache angeboten wird (an rein mathematisch-naturwissen­schaftlichen Gymnasien) muß man sich in der 7. Klasse zwischen Latein und Französisch als 2. Pflichtfremdsprache entscheiden. Hier bieten die meisten Gymnasien für alle "Lateiner" Arbeitsgemeinschaften in Französisch an, die man in der gymnasialen Oberstufe zumindest als Grundkurs fortführen kann.

 

3.         Latein als Arbeitsgemeinschaft oder als 3. Fremdsprache - genügt das nicht auch?

Viele Gymnasien bieten Latein als Arbeitsgemeinschaft und einige wenige als 3. Fremdsprache an (ab Klasse 9). Wer nur das Latinum erwerben will, kann diese Möglichkeiten wählen. Von den oben beschriebenen Bildungswirkungen des Lateinischen wird bei dieser Variante natürlich nur ein Bruchteil realisiert. Vor allem geht jede Basisfunktion der lateinischen Sprache für die übrigen Fächer des Gymnasiums verloren. Freilich ist es allemal besser, auf diese Weise das Latinum zu erwerben, als es auf der Universität nachzuholen - ein oft mühevoller und nicht selten vergeblicher Versuch.

 

4.         Latein, Mathematik und die Naturwissenschaften

Wer sich für Latein entscheidet, entscheidet sich an vielen Gymnasien für den sprachlichen Zug mit drei Fremdsprachen. Sind mit dieser Entscheidung Nachteile für Mathematik und die Naturwissenschaften verbunden - insbesondere im Hinblick auf die gymnasiale Oberstufe und das Abitur?

Das Kultusministerium ist dieser Frage für den Abiturjahrgang 1989/90 nachgegangen. Dabei stellte sich heraus, daß Gymnasiasten sprachlicher Züge in Mathematik-Leistungskursen besser abschneiden als Mitschüler aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Zug. Im einzelnen ergaben sich folgende Ergebnisse:

 

Schüler aus math.-nat. Zügen erreichten im LK Mathematik im Schnitt                9,5 Punkte

Schüler aus sprachlichen Zügen erreichten                                                        10,0 Punkte

(bei Latein als 1. Fremdsprache:                                                                      10,9 Punkte)

 

            Im Bereich der Naturwissenschaften, insbesondere in Physik liegen ähnliche Erfahrungen vor. Schüler aus sprachlichen Zügen sind in aller Regel in der Lage, eventuelle Defizite aus der Mittelstufe in der Oberstufe rasch auszugleichen.

Im Hinblick auf den Schulversuch "Naturwissenschaftliches Profil" müssen besonders in diesem Punkt die Versuchsergebnisse abgewartet werden. Sollte sich bei der Auswertung des Versuchs herausstellen, daß Schüler aus sprachlichen Zügen de facto nicht mehr in der Lage sind, im Kurssystem der gymnasialen Oberstufe mit Schülern aus dem "naturwissenschaftlichen Profil" zu konkurrieren, sind entsprechende Ausgleichsmaßnahmen unverzichtbar.

 

V.        Ausblick

 

"Eine Zeit, die ihr Latein (und Griechisch) verlernt, wird provinziell. Sie tauscht den antiken Universalismus, der Zeiten und Räume übergreift, gegen das Spießertum des Hier und Jetzt ein. Eine solche Zeit wird die Stimmen nicht mehr verstehen, die aus den Bibliotheken an ihr Ohr dringen. Auf den Bildern in den Museen, in den Kirchen und Schlössern wird ihr blindes Auge nichts mehr erkennen. Natürlich wird, wer in der Schule Latein und Griechisch gelernt hat, die Klassiker später kaum noch im Original lesen. Aber er wird sich in einer Kultur, die von seinen Schulautoren inspiriert wurde, zumindest nicht ganz heimatlos fühlen" 

 (Jan Roß, FAZ vom 15.04.1995).

 

Sicher: Man kann ein kluger Kopf, ein rechtschaffener Christ, ein treuer Staatsbürger und ein kreativer Forscher auch ohne Latein und Griechisch werden. Wen es aber interessert, sich über unsere Zeit Rechenschaft zu geben und die Herkunft unserer Welt zu erkennen, um aus dieser Herkunft Richtlinien und Maßstäbe für die Zukunft zu gewinnen, der wird nicht umhin können, zu den Quellen zurückzugehen. Und wenn er sich bis zu den Quellen mit Ernst und Energie durchgearbeitet hat, wird er erkennen, daß ihm auch manches andere viel leichter fällt. Er wird erkennen, daß die "toten" Sprachen doch etwas nützen.

 

Lingua Mortua?

O quoties obitum liguae statuere latinae!

   Tot tamen exsequiis salva superstes erat.

 

Tote Sprache?

Immer von neuen sagen sie tot die lateinische Sprache,

   jedes Begräbnis jedoch hat sie gesund überlebt.

 

                                                                  Josef Eberle

 

Für welche Studiengänge braucht man Latein?

 

 

Lateinkenntnisse sind für viele Studiengänge von großem Nutzen, z. B. für Medizin, Pharmazie und Jura.

 

Für eine Reihe von Fächern ist der Nachweis von Lateinkenntnissen sogar durch die Studienordnungen vorgeschrieben. Je nach dem Umfang der Lateinkenntnisse unterscheidet man zwischen "Latinum" und "Großem Latinum". Das Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg hat folgende Übersicht der Studiengänge veröffentlicht, in denen das Latinum oder das Große Latinum erforderlich ist:

 

1. Magisterstudiengänge 1 (Hauptfach)

2. Lehramtsstudiengänge (Hauptfach)

 

     Anglistik
Archäologie *
Ethnologie
Germanistik mit Nordischer Philologie
Geschichtswissenschaften mitGeschichte der Naturwissenschaft und Technik,    Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Klassische Philologie *
Kunstgeschichte
Musikwissenschaft
Orientalistik
Ostasienwissenschaften
Pädagogik
Philosophie
Romanistik
Slavistik
Sprachwissenschaften mit Rhetorik
Theologie (siehe auch unter Ziffer 3)
Volkskunde

      Englisch
Französisch
Geschichte *
Griechisch *
Latein *
Italienisch
Spanisch
Evang. Theologie
Kath. Theologie
Philosophie

 

3.   Theologie (Kirchliches Examen,
Akademische Abschlußprüfung,
Magister- oder Diplomstudium)

_____________________

1     Die Magisterstudiengänge werden je nach ihren fachlichen Schwerpunkten an den Universitäten unterschiedlich bezeichnet.

 

*    ausschließlich Großes Latinum

 

  Für die Studiengänge Latein und Theologie ist zudem das Graecum erforderlich.