Situationsbezug und Aussageabsicht der Fabeln

  1. Eine Fabel wird immer in einer konkreten Situation und mit einer bestimmten Absicht erzählt. Das kann man am Beispiel des Dichters Aesop, dessen Fabeln untrennbar mit seinem Lebensschicksal als ehemaligen Sklaven verbunden sind, sehen. An seinen Fabeln kann man gut den Realitätsbezug und die belehrende kritische Absicht der Fabel zeigen. 

2. Es heißt, dass Aesop durch Kleinasien und Griechenland zog und seine Fabeln erzählte. In ihnen beschrieb er soziale Ungerechtigkeiten und menschliches Fehlverhalten. Er versuchte auch das Verhalten der Mächtigen durch seine Lehren zu beeinflussen und äußerte ihnen gegenüber Kritik in Form von geistreichen Fabeln. Dabei setzte er sich stets für die Schwachen, Unterdrückten oder die Misshandelten ein. 

3. Aesop übte selbst in schwierigen Situationen im Schutz der Fabeln seine Kritik aus. Durch seine Fabeln hatte Aesop einen Einfluss auf das Volk. Genau das war es, was die Priester fürchteten. Deshalb sorgten sie dafür, dass Aesop zum Tode verurteilt wurde, obwohl er völlig unschuldig war. Auf dem Weg zum Felsen, von welchem er hinabgestürzt werden sollte, erzählte er die berühmt gewordene Fabel von Maus und Frosch. Er wollte damit einerseits seine eigene Situation verdeutlichen und andererseits die Priester warnen und sie von ihrem Vorhaben abbringen.  

 

Die Maus und der Frosch  

Eine Maus schloss zu ihrem Verderben mit einem Frosche Freundschaft und lud ihn zum Mahle ein. Der Frosch band den Fuß der Maus an seinen eigenen an, und so gingen sie zuerst zu einem Orte, wo viele Speisen vorhanden waren. Der Frosch stillte hier seinen Hunger und beschloss, die Maus, da er ihr gutes Leben beneidete, zu verderben. Als sie bald darauf an den Rand eines Sees kamen, zog er sie in das tiefe Wasser. Die unglückliche Maus kam im Wasser um und schwamm in demselben, an den Fuß des Frosches angebunden, umher; doch ein Taubenfalke erblickte die Maus und fasste sie mit seinen Krallen. Da sich der Frosch nicht losmachen konnte, entführte er ihn gleichfalls in die Luft, wo er zuerst die Maus und dann jenen selbst verspeiste. 

Auch ein Toter ist imstande, das an ihm begangene Unrecht zu rächen, denn die Gottheit, die alles erblickt, teilt jedem sein gerechtes Schicksal zu. 
 

Der Verlauf der Fabel ist der Situation, in der sich Aesop und die Priester befinden, auffallend ähnlich. In der Realität will die Priesterschaft den unschuldigen Dichter töten; in der Fabel ist es der Frosch, der die Maus ums Leben bringen will. Kennzeichnend ist, dass Maus und Frosch fest aneinander gebunden sind und so gemeinsam das gleiche Schicksal erleiden. Der Habicht, der beide als Beute fortträgt, wird zum Symbol für eine höhere Gerechtigkeit; er rächt unverzüglich das an der Maus begangene Unrecht. 

Auf die Realität bezogen lehrt diese Fabel: Auch in der Wirklichkeit wird es eine höhere Macht ( in diesem Fall das Volk) geben, die Aesops Tod nicht ungerächt lassen wird. So wie Maus und Frosch schicksalhaft miteinander verbunden sind, so werden auch die Priester ihrem Schicksal nicht entgehen, wenn sie ihn, Aesop, töten lassen. Hier in diesem Fall kämpft Aesop mit der Fabel für sich selbst. Aber bei anderen Gelegenheiten nutzt er die Fabel im Kampf für die Unterdrückten. Aesop erscheint als Held, der reale Zustände , politische Vorgänge oder menschliches Fehlverhalten aufgreift und sie mit der Fabel kritisiert und bewusst macht. So zielt er auf eine Veränderung der Situation.

Aber es gibt auch Fabeln des Aesop, die sich weniger mit konkreten Lebenssituationen beschäftigen, sondern allgemeine Lebensweisheiten ausdrücken und ethische oder moralische Lehren enthalten. Sie sind dann mehr belehrend als kritisierend.

Weil alle Fabeldichter sich seit Phaedrus immer wieder mit den Fabeln von Aesop beschäftigen und sie nach- oder umschreiben, können die Fabeln des Aesop uns wichtige Aufschlüsse der gesamten Fabeldichtung geben.

 

Aussageabsicht

An einem Vergleich von Fabeln, die in verschiedenen Versionen vorliegen, kann man erkennen, dass oft nur eine kleine Veränderung genügt, um einen anderen Situationsbezug oder eine andere Aussageabsicht auszudrücken. Dies kann man gut am Beispiel der Fabel vom Fuchs und vom Raben zeigen:

 

1. Vom Raben und Fuchs ( Martin Luther)  

Ein Rab' hatte einen Käse gestohlen und setzte sich auf einen hohen Baum und wollte zehren. Da er aber seiner Art nach nicht schweigen kann, wenn er ißt, hörte ihn ein Fuchs über dem Käse kecken und lief zu und sprach: "O Rab', nun hab' ich mein Lebtag keinen schöneren Vogel gesehen von Federn und Gestalt, denn du bist. Und wenn du auch so eine schöne Stimme hättest zu singen, so sollt' man dich zum König krönen über alle Vögel." 

Den Raben kitzelte solch Lob und Schmeicheln, fing an und wollt' seinen schönen Gesang hören lassen. Und als er den Schnabel auftat, entfiel ihm der Käse; den nahm der Fuchs behend, fraß ihn und lachte des törichten Raben.

 

2. Der Rabe und der Fuchs ( Gotthold Ephraim Lessing)  

Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen seines Nachbars hingeworfen hatte, in seinen Klauen fort. Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs herbeischlich und ihm zurief: "Sei mir gesegnet, Vogel des Jupiter!"  -  "Für wen siehst du mich an?"  fragte der Rabe.  -  "Für wen ich dich ansehe?" erwiderte der Fuchs. "Bist du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechte des Zeus auf diese Eiche herabkömmt, mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich zu schicken noch fortfährt?" Der Rabe erstaunte und freuete sich innig, für einen Adler gehalten zu werden.  ,Ich muß' dachte er, ,den Fuchs aus diesem Irrtume nicht bringen.'  -  Großmütig dumm ließ er ihm also seinen Raub herabfallen und flog stolz davon.Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken und er verreckte.

Möchtet ihr euch nie etwas anders als Gift erloben, verdammte Schmeichler! 

In der älteren Fassung Martin Luthers, schafft es der schmeichelnde Fuchs, dem einfältigen und eitlen Raben ein Stück Käse zu entlocken. Der Fuchs wird für seine List belohnt, der Dumme hingegen ist der Rabe, der auf den Fuchs hereinfällt. Diese Fabel richtet sich also gegen den Dummen und Einfältigen!

In Lessings Version von der Fabel ist das Stück Fleisch aber vergiftet (hier geht es um vergiftetes Fleisch, nicht um Käse)! Der Fuchs stirbt daran. Im Gegensatz zu Luthers Fabel erscheint hier der normalerweise Unterlegene durch Zufall als der Glücklichere. Der Klügere ist also doch nicht immer der Gewinner, denn auch er unterliegt dem Willen des Schicksals. Dieses wendet sich in dieser Version eindeutig gegen die Listigen, Hinterhältigen und gegen die Schleimer.

Der Vergleich zwischen den Fabeln Luthers und Lessings zeigt, dass schon eine Änderung eines kleinen Details ausreicht, um die ganze Aussage der Fabel zu ändern. 

 

Zusammenfassung: 

- Eine typische Situation wird mit einem anschaulichen Bild dargestellt.

- Es wird Kritik z.B. an sozialen Ungerechtigkeiten geübt und menschlichen Eigenschaften aufs Korn genommen mit dem Ziel, eine Veränderung zu erreichen und die Wahrheit aufzuzeigen.

Judith K., Katharina L., Anja Q.

(Quelle: s. "Quellen und Links")