Der Aufbau der typischen Fabel 

In ihrer strengen Form besitzt die Fabel einen dreigliedrigen Aufbau , der von der Antike bis zur Moderne im Prinzip beibehalten wird:  

 

 1.   Ausgangssituation  

  
 2.   Konfliktsituation  

 2.1  Aktion         oder       Rede  
  
 2.2  Reaktion     oder      Gegenrede  
  
  
 3.   Lösung  


1. Dieses einfach überschaubare und rhetorisch geschickte Bauschema muss in engem Zusammenhang mit der belehrenden Absicht der Fabel gesehen werden.  
Dem Hörer oder Leser wird zunächst in der Ausgangssituation die zum Fabelverständnis notwendige Information gegeben.  Die Ausgangssituation stellt die Handelnden kurz vor und die Konfliktlage wird beschrieben. 
  
2. Die Konfliktsituation ergibt sich in der Regel aus der Antithese, die durch die Gegenüberstellung zweier konträrer Verhaltensweisen hervorgerufen wird. Die Handlung, in der der Konflikt verwirklicht wird, ist dabei so gestaltet, dass eine Verhaltensweise als die unterlegene erkennbar wird.  
In Rede und Gegenrede,  Handlung und Gegenhandlung  läuft ein dramatisches Geschehen ab, das sich auf einen Höhepunkt zuspitzt und in einem überraschenden Moment, einer Pointe, gipfelt.  

3. Am Ende der Fabel (Lösung) wird das Ergebnis berichtet. Die Absicht des Dichters ergibt sich aus der Deutung des Fabelgleichnisses.  Manchmal wird der Fabel als viertes Glied ein  (meist später hinzugefügter)  Lehrsatz, das Epimythion,  hinzugefügt, das dann typographisch oder anders von der eigentlichen Erzählung getrennt wird.

Wenn der Lehrsatz aber vor der eigentlichen Fabel steht, nennt man dies Promythion.

 

Beispiel:         Der Hund und der Wolf  (III 7)

 Lupus ad canem

Quam dulcis sit libertas breviter proloquar.
Cani perpasto macie confectus lupus
forte occurrit; dein, salutati invicem
ut restiterunt," Unde sic, quaeso, nites?
Aut quo cibo fecisti tantum corporis?
Ego, qui sum longe fortior, pereo fame."
Canis simpliciter: "Eadem est condicio tibi,
praestare domino, si par officium potes."
"Quod?" inquit ille. "Custos ut sis liminis,
a furibus tuearis et noctu domum.
Adfertur ultro panis; de mensa sua
dat ossa dominus; frusta iactat familia,
et quod fastidit quisque pulmentarium.
Sic sine labore uenter impletur meus."
"Ego vero sum paratus: nunc patior nives
imbresque in silvis asperam vitam trahens.
Quanto est facilius mihi sub tecto vivere,
et otiosum largo satiari cibo!"
"Veni ergo mecum." Dum procedunt, aspicit
lupus a catena collum detritum cani.
"Unde hoc, amice?" "Nil est." "Dic, sodes, tamen."
"Quia videor acer, alligant me interdiu,
luce ut quiescam, et vigilem, nox cum uenerit:
crepusculo solutus, qua visum est, uagor."
"Age, abire si quo est animus, est licentia?"
"Non plane est" inquit. "Fruere, quae laudas, canis;
regnare nolo, liber ut non sim mihi."  

 

Zeile 1:          Einleitung,  Promythion

Zeile 2-3:       Vorgeschichte, Beschreibung der Situation.

Zeile 3-6:       Begrüßung der beiden Tiere, das Gespräch beginnt. Der Wolf   fragt den Hund, warum er so gut genährt sei.

Zeile 7-10:       Der Hund erläutert kurz. Wolf fragt, was er tun müsse, und der Hund antwortet

Zeile 11-14:    Der Wolf erzählt dem Hund von seinen Lebensumständen.

Zeile 15-16:    Neuer Abschnitt. Sie gehen zum Haus vom Hund. Dem Wolf fällt am Hals des Hundes eine Wunde auf, die von einer Kette stammt.

Zeile 17-20:   Der Hund erklärt den Grund seiner Wunde.

Zeile 21-24:    Der Hund zählt Vorteile des Dienstes auf.

Zeile 25-27:    Der Wolf zieht seine Freiheit in Hunger der satten Sklaverei vor.

 Caroline Dreßen (Quellen: s. "Quellen und Links"; Unterrichtsergebnisse)